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Indien, Ladakh,

am Höchsten (2005)

 

Reisebericht Indien / Ladakh
(geschrieben von Berna Civeleker)

 Mit „wo ist das?, deutet die häufigste Reaktion zurecht auf ein exotisches Reiseziel. Jährlich, und das bedeutet mehrheitlich in der Hochsaison im Juli/August, besuchen lediglich 15‘000 Touristen diese am Höchsten besiedelte Region im indischen Bundesstaat Jammu/Kaschmir. Ihre Besucher mögen die Berge, die buddhistische Lebensart und die Abgeschiedenheit. Von Delhi, der über 10 Mio.-Metropole, sind es zwar nur 1 ¼ Std. Flugzeit, aber derart fremdkörpermässig, als befände man sich in Leh, der Hauptstadt von Ladakh, in der Heimat Luke Skywalkers. Der siebenstündige Flug von Frankfurt nach Delhi ist an sich schon eine Zeitreise. Aber Ladakh, im kargen Himalaya ist ein Wurf weiter.

Auf diesen freundlichen Planeten war ich schon während meines Srinagar-Besuchs vor rund zehn Jahren neugierig. Damals wurden aber gerade eine Hand voll Touristen entführt, einer verlor gar unfreiwillig den Kopf.

Umgebung von LehSchiebt man die seit Jahrzehnten politisch bewegte und militärisch besetzte Realität in den Hintergrund, birgt allein die geografische Lage Schwindelerregendes. Die Flugpiste in Leh auf knapp 3‘300 Meter über Meer ist die dritt höchst gelegene der Welt nach Qamdu (~4‘330 m.ü.M) und Lhasa (~3‘650 m.ü.M.), beide im Tibet. Die anspruchsvolle Flugroute Delhi-Leh über dem Himalaya/Zanzkar-Massiv fliegen die Piloten auf Sicht, weshalb wetterbedingt viele Flüge ausfallen. Nebst schlechten Sichtverhältnissen, kann auch eine zu hohe Pistentemperatur eine Landung verunmöglichen, so dass die Flugzeuge wieder nach Delhi zurückfliegen müssen oder erst gar nicht abheben.

Auf dem Khardung La PassVon einem der höchsten aller befahrbaren Pässe der Welt, dem Khardung La mit gut 5‘500 m.ü.M., erhascht man einen Blick ins pakistanische Karakorum-Gebiet mit dem legendären K2. Um die von Leh knapp 40 Km entfernte Passhöhe zu erreichen, kann ein solides Nervenkostüm nicht schaden. Denn unzählige Kurven, enge Passagen, unmöglich scheinende Kreuzungsmanöver und Blicke in tief abfallende Gründe, wo nicht wenige Schrottteile herumliegen, setzen Adrenalin frei. Der Pass, geschmückt mit tausenden bunten Gebetsfahnen und Schildern, worauf „the highest motorway of the world“ steht, inmitten Geröll, Militärkaserne, Pistenfahrzeugen wirkt eher wie eine still gelegte Baustelle. Indische Soldaten unterhalten Pass und Besucher. Ihre exponierte Lage macht sie zu auskunftsfreundlichen und Tee anbietenden Gastgebern. Die dünne Luft hier oben kann jedoch je nach Empfindlichkeit Übelkeit oder Kopfschmerzen verursachen.Ein Einheimischer wie der Wildyak, ein Riesen Hochgebirgsrind, fühlt sich hingegen ab 4‘000 m.ü.M. erst richtig wohl, ist aber leider vom Aussterben bedroht. Der Zuchtyak hingegen ist ein beliebtes Haustier als Woll- und Milchlieferant. Wer es schafft, seinen Tee mit Yakmilch, dieser Fettbombe für eiskalte Wintertage, vielleicht in einem buddhistischen Kloster verabreicht bekommen, auszutrinken, dem sei an dieser Stelle Respekt gezollt! Aber schade, dass wir nie Yaks zu Gesicht bekommen haben, da ist die Wahrscheinlichkeit, Elche in Skandinavien, erschossene Bären in Bayern oder einen der vielen Saddam Husseins zu sichten weit grösser.

Flughafen von LehNun folgt die unvermeidliche Reiseabhandlung eines nur zweiwöchigen Ausflugs von Zürich via Frankfurt nach Neu Delhi mit Ladakh und Agra. Ein Würfelzucker Zivilisationsgeschichte im heissen Kaffee. In Ladakh ist ein Tibet ohne China spürbar, Delhi fühlt sich wie Sitzcouch einer Zeitmaschine an, zappend zwischen Frühzeit und Moderne und das Grabmal Taj Mahal in Agra, stellt eine der vielen Möglichkeiten dar, den Verlust eines geliebten Menschen innert 22 Jahren mit Hilfe von 20 Tausend Angestellten zu verarbeiten.

Eine Stunde, bevor das Flugzeug von Frankfurt in Richtung Delhi abhebt, nimmt Werner Reisetabletten zu sich, um die Magennerven zu beruhigen. Ziele von über vier Flugstunden hat er bisher gewollt vermieden, weil unverträglich. Mit dem Grundgedanken, einmal ist nicht das letzte Mal, wollte ich ihm mit dieser Überraschungsreise, wovon er abgesehen vom Datum überhaupt keine Ahnung hatte, die Fernreiserei schmackhaft haben, von der ich bereits infiziert war. Ob es geklappt hat, können Sie an dieser Stelle schon mal raten.Merkwürdigerweise stellt sich so mancher vor, Indien sei abenteuerlich, gefährlich, chaotisch, verseucht. Das trifft höchstens zu, wenn man zufällig ein Pechvogel ist wie Pierre Richard im Film „Ein Tollpatsch kommt selten allein“. Indien beansprucht jedoch die Wahrnehmungsorgane wie kein anderes Land auf der Erde mit seinen unterschiedlichsten Einwohnern, Farben, Düften, Klängen, Religionen, Künsten. Dazu gehört leider auch das Elend, das sichtbarer und spürbarer ist als in West- oder Osteuropa. Das Elend bei uns spielt sich halt hinter der Fassade ab, oft ja hinter der eigenen und weil wir moderner und fortgeschrittener sind als die Schwellen- und Drittweltländler, nennen wir es Zivilisationskrankheit. In Indien gibt es die natürlich auch, weil es hier alles gibt ausser Blondinen mit blassem Teint.LehWerner setzt also um 5 Uhr früh das erste Mal seinen Fuss auf indischen Boden. Obwohl Neu Delhi über 11 Mio. Einwohner (exkl. Agglomeration) zählt, ist im internationalen Flughafen fast nichts los, die Passkontrollen effizient und das Gepäck rasch auf dem Band abholbereit. Der Ausgang ist dagegen von hunderten Leuten umstellt, die irgendwen abholen sollen. Die schwüle Temperatur von rund 33°C und die vielen Namensschilder fordern unsere Aufnahmefähigkeit bisschen heraus. Ein junger Mann unserer Reiseagentur heisst uns willkommen und hängt uns einen duftenden Blumenkranz um den Hals. In einem neuen Südkoreaner bringt er uns zum Inlandflughafen und verabschiedet sich höflich, nachdem er uns die Reisedokumente und Adressen aushändigt. Mumbai erlebt derzeit den Jahrhundertmonsun und beklagt über 1‘000 Tote. Zahlreiche Inlandflüge sind annulliert. Im Boardingbereich Ladakh befinden sich fast ausschliesslich westliche Passagiere. Die Sicherheitsvorschriften verlangen vor dem Einladen die Identifizierung des Reisegepäcks, was zu einer hektischen Sucherei und zu Beinahekollisionen führt. Wer diese Situation kennt, weiss, nächstes Mal läuft es eh wieder anders und nimmt es gelassen. Dann der Flug über das Zanskar-Massiv, hervorragendes Bergpanorama. Die Landung, perfekt. Bewaffnete Soldaten beobachten uns beim Verlassen des Flugzeugs und mahnen, kein Foto!. Die Landebahn ist in einem Militärkasernenareal eingebettet, umgeben von schroffer Bergkulisse. Es ist frische 12°C, 9 Uhr, die Luft dünn, extrem trocken und der Himmel klar. In der nahe gelegenen kleinen Empfangshalle rollt unser Gepäck bereits an, rekordverdächtig schnelle Abwicklung.Umgebung von Leh Unser Abholer steht bereits unter den gut 30 Anwesenden und begrüsst uns herzhaft lächelnd mit „Julee“ (tschuleee), was willkommen, guten Tag und Aufwiedersehen heisst. Auf den ersten Blick, scheinen die Ladakhis nicht sehr gross gewachsen zu sein und der erste Eindruck trügt bekanntlich nie. Im Toyota Landcruiser werden wir ins 3-4 Km entfernte Stadtzentrum, wo sich fast alle Touristenunterkünfte befinden, gefahren. Das Eco Popular Lodge liegt idyllisch neben einem plätschernden Bach, unter Zedern und inmitten eines wildgrünen Gartens. Die neu eröffnete Anlage hat 10 Doppelbungalows, die einfach und sauber eingerichtet sind. Heisswasser kommt nur abends zwischen 17 und 20 Uhr , welches mit Holz in einem zentralen Heizkessel aufbereitet wird. Strom gibt es unregelmässig bis gar nicht, weil die Dieselgeneratoren von Leh für den Bedarf nicht aufkommen können. Weder haben wir zudem einen Fernseher, noch Mobiltelefonanschluss, worüber wir „amused“ sind. Freundlich empfängt uns der Besitzer mit einer Tasse Tee und nimmt unsere Personalien auf. Er selbst wohnt mit seiner Familie hinter den Mauern der Anlage in einem grossen Haus. Als wir uns hinlegen nach dieser langen Nonstop-Anreise ist es 9 Uhr, als wir aufwachen bereits später Nachmittag. Meine ersten Gehversuche erweisen sich als Flop. Ich falle zu Boden, es ist mir übel und ich fühl mich blutleer. Doch nach nur einer kurzen Ruhezeit im Bett fühl ich mich wieder topfit. Da ich so was noch nie zuvor erlebt habe, vermute ich mal ein Symptom der Höhenanklimatisierung.Tibetischer Markt in LehUnser erster Spaziergang in Leh führt an Feldern mit weidenden Kühen und streunenden Hunden vorbei in eine belebte Touristenstrasse. Wir staunen über die vielen „German Bakerys“, Pizzerias und Tibetian Markets. Die Souvenirläden mit Schmuck, handgefertigten Kunstobjekten, Paschmira-Schals, Seidenteppichen usw. werden von den moslemischen Kaschmiris, die Tibetian Markets wie der Name schon sagt von Tibetern und die Gaststätten von Ladakhis mit ausländischem Personal betrieben. Die Ladakhis arbeiten im Tourismussektor als Reisebegleiter, Chauffeur oder Betreiber einer Unterkunft oder eines Reiseveranstalters. Unser Reisebegleiter, Dundup, ist hauptberuflich Sekundarschullehrer. Wie die meisten Buddhisten hier, ist er Vegetarier und das Angebot in den Unterkünften deshalb überwiegend vegetarisch. Für die vorwiegend nichtvegetarischen Gäste aus dem Ausland jedoch steht meistens ein Gericht mit Fleisch zur Verfügung. Tiere töten und essen tun hier nur die Moslems sowie heimlich auch einige Ladakhis. Das vegetarische Essen ist hier jedoch hervorragend gewürzt und nahrhaft, nicht mal so scharf wie im übrigen Indien. Dabei dominieren Hülsenfrüchte und Kartoffeln die Küche.Am ersten Abend schauen wir im gedämpften Schein der Petroleumlampen auf die anderen Touristen rüber und fragen sie bisschen über ihre fortgeschrittene Eindrücke aus. Ein auskunftsfreudiges deutsches Paar, ein verklemmt wirkendes englisches Paar und ein plapperndes jüngeres italienisches Paar. Der junge Milanese hatte genug vom vegetarischen Essen und sehnte sich nach einem Riesensteak. Nach dem Essen suchte uns ein junger Mann aus Srinagar auf, der uns im Namen der Agentur willkommen hiess und sich nach unserem Befinden erkundigte. Danach fragten wir ihn ausgiebig über die aktuelle Lage in seinem Heimatort aus. Seine Augen glänzten, als er vom Essen, von Festen und Familien erzählte. Er sei das erste Mal hier in dieser Saison. Die Ladakhis seien sehr liebe Menschen, aber Srinagar fehle ihm sehr.KlosterNach dem Frühstück holen uns Dundup und der Fahrer im Geländewagen ab und bringen uns in die im Umkreis von 20 Km gelegene Sehenswürdigkeiten. In der Ortschaft Stok besuchen wir den Königspalast, in dem Kleider, Schmuck und andere Reliquien der Königsfamilie ausgestellt sind. Im geschlossenen Teil leben noch die Nachfahren der Königsfamilie, wobei sich die verwitwete Königin in Manali aufhält. Als Zweitresidenz erbaut, musste die Familie 1843 nach ihrer Entmachtung von Leh hierher ziehen. Ihre Aussicht ist grandios. Wir haben Glück, dass Dundup das Nationalgewand, den Goncha trägt, denn er macht sich besonders gut auf Fotos. Er allerdings muss ihn im Auftrag der Agentur tragen und findet den Bademantel ähnelndem Anzug in Dunkelbraun bisschen zu warm unter der Sonne. Andere Reisebegleiter tragen üblicherweise Jeans, offenes Hemd und Sonnenbrille.Im KlosterDie Klöster Stok, Spituk, Sankar und der Tempel Shanti Stupa sind weitere Stationen dieses kulturell und optisch attraktiven Tages. Der bunt bemalte Tempel soll dem Zweck dienen, den Kontakt der verschiedenen buddhistischen Schulen zu fördern. Bei der Einweihung im Jahr 1991 habe der Dalai Lama die Einladung mit der Begründung abgelehnt, dass die Ladakhis sich zuerst für den Frieden zwischen Moslems und Buddhisten kümmern sollten. Ein Miteinander ohne Gegeneinander gibt es auch in diesem Paradies. Gelbmützen und die Rotmützen bilden die zwei wichtigsten tibetisch-buddhistischen Orden. Der Dalai Lama gehört zu den Gelukpas (Gelbmützen), welche das Zölibat pflegen. Die Kargyüpa (Rotmützen) legen das Gewicht auf das Spirituelle statt auf Enthaltsamkeit. Für uns Besucher sehen die Klöster jedoch unabhängig ihrer Ordenszugehörigkeit gleich aus. Am 4. Tag unserer Privattour besuchen wir weitere bedeutende Klöster, Thikse und Hemis sowie den Sheypalast. Wir treffen immer wieder auf die 2-3 Reisegruppen aus Italien und Spanien unterwegs, weil sich die Hauptsehenswürdigkeiten auf die Klöster konzentrieren. Dundup erzählt jedoch nebst dem Lebensrad immer wieder etwas Neues und für uns Skurriles über die Götter und ihre Gestalten. Maitreya ist der Zukunftsbuddha und soll in 1500-2500 Jahren den Menschen erscheinen, wenn diese derart dekadent geworden und daumengross klein geworden sind. Sie würden erst wieder wachsen, wenn sie mit der Ethik einhergehen. Dann die beliebteste Göttin, Tara, die Retterin. Die vielen Schutzgötter. Sie sind zierlich, hässlich oder bis zu acht Meter hoch. Wir konnten sie ehrlich gesagt nicht auseinanderhalten.  Der Palast in Leh ist von Innen eine gefährliche Bauruine mit vielen Fallen und Uringerüchen. Äusserlich wie historisch ist er sehr beeindruckend. Abends haben wir uns an die Streifzüge im Stadtkern gewöhnt und geniessen die Märkte der Tibeter wie auch das Hefegebäcksortiment der German Bakerys. Es fühlt sich alles sehr gemütlich und heimisch an. Alle bewegen und geben sich natürlich und freundlich. Wir haben Riesenspass an Ladakh, sogar wenn der Strom ausfällt, was er meistens tut.Auch am nächsten Tag holt uns Dundup und unser Fahrer ab, der übrigens behutsam und professionell fährt. Wir werden knapp 150 Km Richtung Srinagar fahren, das Yundrun-Kloster der Rotmützen besuchen und in einem schmucken Zeltcamp in Ultekopo nächtigen. Unterwegs gibt es ein Checkpoint, wo wir die Pässe vorweisen müssen und wir begegnen zahlreichen Militärkonvois. Zu unserem Glück und auf Empfehlung Dundups, überqueren wir einen 22-zackigen steilen Pass mit atemberaubendem Panoramablick. Das Klosteranwesen ist grossflächig und hügelig. Rundherum begegnen wir Schulkindern und anderen Einheimischen. Hier entstand die Legende über die Entstehung des rechtsdrehenden Hakenkreuzes, welches auch ein Glückssymbol ist, also nichts am Hut hat mit dem Kreuz der Nazis. Überhaupt dreht sich hier alles um das Kloster. Im Innenhof entsteinen zwei ältere Frauen einen Berg Aprikosen, andere feilschen ums Kochgeschirr. Es kommt uns vor, als befänden wir uns inmitten eines inszenierten Dorftheaters im Mittelalter oder in einem perfekt funktionierenden Uhrwerk. Jeder geht tüchtig und nüchtern seiner Tätigkeit oder seines Weges nach. Der Moonvalley-Piste entlang, sind durch Erosion entstandene bizarre Steinformationen sowie durch Mineralgehalt gefärbte Felswände echte Hingucker. Aber auch Touristen auf gemieteten Royal-Enfields haben was Besonderes an sich. Das mit allem ausgestattete Zeltcamp am Indus rundet das Wildniserlebnis ab und bietet in der Dunkelheit die schönste Sternhimmeldecke, die wir je zu Gesicht bekommen haben. Sternschnuppen kämpfen um die Pole Position. 

Die Klöster Alchi und Likir liegen auf unserem Rückweg nach Leh. Alchi ist eine 1000-jährige Tempelanlage und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. MönchDarin befinden sich die wertvollsten Kulturschätze Westhimalayas. Das Gelbmützenkloster Likir aus dem Jahr 1045 ist bekannt für ihre Riesenstatue von Maitreya aus dem Jahr 1998. Am Abend sind wir wieder in Leh und lehnen uns versunken in den Gedanken an die Göttergeschichten Dundups ein bisschen zurück. Ob mit oder ohne Vorkenntnisse des Buddhismus, die Informationsflut ist enorm und einen Lehrer als Reisebegleiter zu haben ziemlich anstrengend. Im Lodge zaubert ein Angestellter aus Nepal ein Kunststück mit dem Geschirr und steht damit bis zur Buffeteröffnung im Mittelpunkt. Dies ist auch keine Kunst bei den anwesenden scheintoten Gästen, aber vielleicht wirkt das Bier auf der Höhe einfach so.Khardung-La PassEndlich steht der Khardung-La bevor. Einmal auf den höchsten befahrbaren Pass der Welt, der es genau so wenig ist, wie der Nordkap der nördlichste Teil Europas. Wir freuen uns wie kleine Kinder darauf. Oben angelangt, müsste es uns schlecht sein. Die Höhe von über 5‘600 Metern über dem Meer. Ein indischer Soldat grüsst freundlich, bietet Tee an, zeigt die Toilette hinter der Mauer, eine Kapelle mit Göttern, tausende Gebetsfahnen auf den Hügeln. Die Sicht zu K2 ist verdeckt, aber die Aussicht könnte nicht besser sein. Es hat eine Wirkung auf uns wie der Tiefenrausch beim Tauchen. Aber wir müssen wieder runter nach Leh und die Rückfahrt ist genau so haarsträubend wie die Hinfahrt. Das ökologische Zentrum Leh’s ist nicht wirklich interessant, kleinräumig, mit wenigen Ausstellungsobjekten, ein paar Solaranlagen. Der Cap mit dem Ventilator ein guter Verkaufsschlager für die Museumsbesucher, obwohl wir gerade die Einzigen sind. Den Rest des heutigen sowie des morgigen Tages verbringen wir in Cafés, Restaurants, Souvenirshops, auf tibetischen Märkten und spazieren durch die Gegend. Nicht so anspruchsvoll wie mit Dundup zusammen zu sein. Der erzählte uns beim Abschied, dass die vermögenden Haushalte eigene Verbrennungsöfen besitzen, da die Toten in Ladakh verbrannt werden. Den Bestattungszeremonien wohnen jeweils Astrologen und Mönche bei. Wir haben Dundup jedenfalls sehr lebhaft in Erinnerung. Er hat Freude an seinem Leben hier mit Heim, Land und Grossfamilie, als Lehrer und Reisebegleiter.

Khardung-La Pass
   

Am Tag der Unabhängigkeit, am 15. August (2005), fliegen wir zurück nach Neu Delhi. Die Präsenz des Militärs und das Gros der Kontrollen sind erwartungsgemäss überdurchschnittlich aber nicht unangenehm. Ghandi GartenWie alles bisher, verläuft auch unser Transfer vom Flughafen ins Hotel Intercontinental-The Grand perfekt. Draussen ist es feuchtheiss, verkehrsreich und lärmig, drinnen klimagekühlt, strahlend sauber und elegant. Hoch oben von unserem Zimmer aus sehen wir ein flaches urbanes Stadtpanorama. Alles ist das Gegenteil von Ladakh. Eigentlich müssen wir nicht mehr raus. Hier drinnen gibt es Einkaufs- und Verpflegungsmöglichkeiten für eine ganze Woche. Gross auch die Wahl für Körper und Fitness mit Wellnessbereich und Swimmingpool. Die Mehrheit der Gäste machen indische Familien aus. Uns fällt sofort die Übergewichtigkeit auf, bei Klein bis Alt, so nach dem Motto, wer hat, ist schwer; mal eine andere Definition von „schwer“ reich. Deshalb wagen wir ein paar Schritte hinaus. Auf den weitläufigen breiten Strassen im neuen Stadtteil Delhis kommt man mit einem Stadtplan gut zurecht. Der Verkehr, die Ampeln, die Beschilderung, alles ordentlich. Wir befinden uns in einem bewachten Villenviertel auf dem Weg zur ehemaligen Residenz, in der Ghandi oft zu Besuch war. In deren Garten wurde er erschossen. Die Schritte, die sein Attentäter zu ihm beging, wurden symbolisch in Beton eingegossen und markieren den Weg bis zum Tatort. Als wir weiter in Richtung Atatürk Road marschieren, begegnen wir vor einem der Villen, einen Hort Journalisten und TV-Equipen, die gerade über ein frisches Attentat auf einen Politiker berichten.DelhiAusgeruht sitzen wir nach einem guten Frühstück in einem weissen Ambassador, dem indischen VW-Käfer schlechthin. Davon werden noch jährlich knapp 20 Tausend Stück hergestellt, bestückt mit einem 1,8-Liter Isuzu-Vorkammerdiesel und einer PS-Leistung von gut 50 PS. Unser Chauffeur manövriert uns entsprechend gemächlich aus Delhi hinaus auf der National Highway N2 in Richtung Agra. Für die 200 Km brauchen wir knapp fünf Stunden. An den letzten Stadtampeln klopfen minderjährige Bettler an unserem Autofenster an. Der Fahrer und die Bettler könnten dafür gebüsst werden. 8 Km vor Agra in Sikandara, vor dem Mausoleum des ehemaligen Mogulnkaisers Akbar werden wir bereits von unserem Reisebegleiter erwartet. Er fährt mit uns weiter nach Agra und kümmert sich im reservierten Hotel Taj View um das Einchecken. Hier hängen sie uns wieder so einen Blumenkranz um den Hals. Wie der Name schon sagt, sehen wir vom Zimmer aus direkt zum Taj Mahal rüber. Den besuchen wir auch gleich zusammen mit dem Agra Fort. Das Taj Mahal entstand in über 22 Jahren Bautätigkeit im 17. Jahrhundert, der Agra Fort im 16. Jahrhundert. Es ist bereits mein dritter Besuch in Agra, trotzdem gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Die Besucher sind eigentlich vorwiegend Inder, die Frauen in ihren bunten Tüchern bereichernde Farbstriche in der Landschaft, breitere und dünnere.

Taj Mahal

Später im Agra Fort überfällt uns starker Regen, nach dem die düstere Himmeldecke alles ergrauen lässt. Die Artenvielfalt auf den Strassen Agras ist beeindruckend. Kühe, Rikschas, Fussgänger ja sogar Autos. Auf den Rikschas haben wir bis zu 10 Fahrgäste gezählt, normal wären drei erlaubt. Rotes Fort / AgraEinmal war einer zu viel und fiel auf die belebte Strasse. Der hatte Glück, dass das Auto ihn nur gestreift hatte. Im Nu versammelten sich etwa 30 neugierige Passanten, obwohl in Indien doch ständig was passiert. Abgestumpft scheinen sie demnach nicht zu sein. Im Hotel gibt es indische Begleitmusik von Vater und Sohn zum Dinner, passt hervorragend.Tags darauf bring uns unser Fahrer wieder sicher zurück nach Delhi zu unserem grossen Hotel. In den Juweliergeschäften erweitern wir unser Wissen über Edelsteine und ihre Verarbeitung. Hier lässt sich’s alles anfertigen. Die Qualität der Edelsteine wie Smaragde, Rubine und Saphire können jedoch noch so hervorragend sein, die Arbeit ist nicht so exzellent. Mit dem Echtheitszertifikat ist dafür alles echt was glänzt und der Spass kommt auch nicht zu kurz.Noch einen Tag mit Spaziergängen und Besichtigungen von Delhi, bis wir um 23 Uhr zum Flughafen gefahren werden. Bei den Gates freunden wir uns mit einem abgemagerten Kater an, den wir durchfüttern, bevor er unbemerkt durch die Kontrollen wieder in seinem Schlupfloch, eine Art Kabelschacht verschwindet. In Indien sprengen Kreativität und Not Grenzen oder sorgt für wirre Köpfe. Die Menschen sind praktisch veranlagt und haben denselben Humor wie der Westen. Nur die nukleare Waffe passt da nicht ins Bild. Werners Bild vom Fernreisen, von Indien ist jedoch von nun an positiv geprägt, was ja die Überraschungsbombe schlechthin ist.

 

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