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Die TierSeite
Nach Ostern geht es Legehennen an den Kragen. Manch Huhn wandert in den Suppentopf. Nun steht auf dem Hof der Familie Grob in Urdorf die so genannte «Ausstallung» an.Sind Ostern vorüber, muss ein Drittel aller Legehennen sterben. So gross ist der Anteil der Todgeweihten zumindest auf dem Hof der Familie Grob in Urdorf. Hier werden in den nächsten Tagen rund 250 Hennen in den Schlachthof gefahren. Dies, weil die Legeleistung im Alter ab 15 Monaten sinkt und die Futterkosten kaum noch deckt. Die 750 Hühner legten für den Osterverkauf 6500 Eier. Nach Ostern geht der Eierkonsum jedoch jeweils rapide zurück. Um die Preise aufrecht zu halten, geht es nun den älteren Hühnerbeständen an den Kragen. Über die Schlachtbank wandern sie in Suppentöpfe oder Tierfutterdosen. Zwischen 16 und 20 Monate alt ist das Federvieh zu diesem Zeitpunkt. Die Hennen werden daher durch leistungsstarke Junghennen ersetzt, die anfänglich Verhältnismassig kleine Eier legen. Zu Ostern wollen aber alle grosse Eier. Diesen Umstand planen Halter von Legehennen in ihrem Produktionsplan ein und setzen die «Ausstallung» kurz nach Ostern an. Man tötet ja nicht gerne», sagt Peter Grob, Landwirt, während des Gesprächs immer wieder. Ihm zu glauben, fällt nicht schwer, sieht man, wie er liebevoll «Bibibi» ruft: 200 Köpfe schnellen in die Höhe und das Federvieh flitzt in keilartiger Formation seinem Halter entgegen. Jedoch nicht mehr lange. In den nächsten Tagen geht es den Hennen an den Kragen. Ausgegackert hat sich für die Belegschaft eines der drei Gehege: Die Federdamen werden zu Suppenhühnern verarbeitet. Die 250 der insgesamt 270 Legehennen ereilt dasselbe Schicksal, wie es einst auch Grobs Lieblingshenne Frieda blühte. «Morgens hüpfte Frieda noch aus dem Gehege und begrüsste uns», erinnert sich der Landwirt an den schmerzhaften Moment, bevor er sein Lieblingshuhn wegbringen musste. Ein Moment, der ihm zu schaffen machte. Zwar kann Grob die Hühnerschicksale nicht ändern, aber ein bisschen Gnadenfrist gewähren. Ein Grossbetrieb hätte die Hennen schon im Januar ans Messer ausgeliefert. Dann erreichten die Tiere das Alter von 15 Monaten, ab dem die Legeleistung sinkt. «Die Hennen sind ausgebrannt», erklärt Grob. Natürlicherweise würde eine Henne nur 30 bis 40 Eier im Jahr legen. Der Mensch hat die Legeleistung mit züchterischen Massnahmen um das zehnfache erhöht. Sinkt die Legeleistung unter 60 Prozent, rentieren die Hühner auch für den Urdorfer Landwirt nicht mehr. Die Futterkosten übersteigen den Ertrag. Dieser Moment ist jetzt gekommen. Fein säuberlich hat Grob ihn auf nach Ostern geplant. Bald ziehen auf dem Hofe Grob 250 Junghennen ein, die allerdings in den ersten Wochen nur kleine Eier legen. «Und die will an Ostern eben niemand», erklärt Grob. Deshalb durften seine gackernden Seniorinnen auch einen zweiten Frühling erleben.
Bericht:
Clavel war eine Kuh wie alle ihrer Art: Gutmütig, ruhig, mit grossen, schwarzen Augen, die zufrieden alles betrachteten, was in ihrer Nähe vor sich ging: Den Mann, der Clavel melken kam; die Bienen, die von Blume zu Blume flogen; die Vögelchen, die ihren Morgengesang anstimmten; die Kinder, die auf dem Rasen spielten, wenn die Schule zu Ende war. Aber, was die Augen Clavels am meisten anschauten, war Clavelin, ihr wenige Monate altes Kälbchen, das sie in einer regnerischen Nacht unter einem alten Weidenbaum mit Mühe und Schmerzen geboren hatte, denn es war ihr erster Sohn. Clavelin war ein kräftiges, gesundes Kälbchen, genährt mit der guten Milch seiner Mutter; und Clavel liebte es von ganzem Herzen, so wie Mütter ihre Kinder lieben. Clavel und Clavelin lebten glücklich zusammen auf dem Land, bis eines Tages ein Lastwagen frühmorgens vor der Umzäunung hielt, aus dem zwei Männer stiegen, die einen Strick um Clavelins Hals legten, mit dem sie das Kälbchen auf den Wagen zogen. Clavelin, noch halb im Schlaf, merkte kaum, was mit ihm geschah und schrie nur angstvoll nach seiner Mutter. Die arme Clavel glaubte, dass Diebe ihren Sohn stehlen wollten und fing verzweifelt zu brüllen an. Kurz darauf erschien auch ihr Besitzer, aber, anstatt ihr zu helfen, schlang er einen Strick auch um ihren Hals und zerrte sie ebenfalls auf den Lastwagen; dabei schlug er sie mit einem dicken Stock, um sie anzutreiben. Clavel konnte nicht begreifen, warum ihr guter Herr sie so behandelte; ihr simpler und argloser Verstand wusste nicht, dass die Güte der Menschen im Allgemeinen dort endet, wo ihre Brieftasche anfängt. Als Clavel und Clavelin auf dem Fahrzeug untergebracht waren, startete der Fahrer mit einem Ruck, wodurch die arme Kuh gegen einen Eisenhaken der Seitenwand geschleudert wurde, der ihr eine tiefe Wunde schlug. Aber Clavel dachte nicht an ihre Schmerzen: sie hatte nur Sorge um Clavelin, der zitternd vor Furcht sich kaum auf seinen Beinen halten konnte. Liebevoll leckte sie ihm seinen Rücken, um ihn zu beruhigen, obgleich sie selbst unsagbare Angst hatte. Mehrmals hielt der Lastwagen, um weitere Tiere aufzuladen, bis schliesslich die Fuhre voll war: Acht aneinander geklemmte Kühe, die sich nicht bewegen konnten und fünf gegen die Vorderwand gedrückte Kälbchen. Die Fahrt war lang und ging über schlechte und staubige Strassen. Die Sonne brannte und Clavel hatte grossen Durst; ausserdem war ihr übel und ihre klaffende Wunde schmerzte sie immer mehr. An Clavelin konnte sie nicht mehr herankommen; er lag auf dem Boden und wurde bei jeder Bewegung des Fahrzeuges von den schweren Tieren getreten. So verging eine Ewigkeit, wie es Clavel schien. Am späten Abend kam der Lastwagen endlich in der Stadt an; auf einem Gelände, wo viele Umzäunungen waren, hielt er zum Abladen. Mit Stöcken bewaffnete junge Burschen sprangen auf den Wagen und trieben die Tiere mit Schlägen herunter. Clavelin, der wie benommen war, stolperte und fiel zwischen das Fahrzeug und die Laderampe. Mit langen Haken, die sie ihm ins Fleisch schlugen, zogen ihn die Burschen wieder hervor. Der arme Clavelin hatte sich beim Fall das Bein gebrochen und schleppte sich nun hinkend, unter schrecklichen Schmerzen, in die Umzäunung. Er war von seiner Mutter, die sich in einem anderen Pferch befand, getrennt worden. Clavel versuchte vergeblich den Zaun zu überspringen, um zu ihrem Kind zu kommen. Ihr Durst wurde unerträglich, aber nirgends gab es einen Tropfen Wasser. Vor Verzweiflung und Schmerzen brüllte sie laut und klagend. Clavelin hörte sie, aber er konnte nur noch mit einem Wimmern antworten. Nach einer Weile spürte Clavel einen eigenartigen Geruch, der ihr Entsetzen einflösste. Wie eine unsichtbare Wolke schwebte über den zusammengepferchten Tieren ein Geruch nach Blut. Es war Nacht geworden. Clavelin, der am Morgen noch ein glückliches und verspieltes Kälbchen gewesen war, lag nun wie ein fast lebloses Häufchen leise klagend auf dem Boden. Sein kleines Gehirn war erfüllt von Angst, von einer so ungeheuren Angst, dass seine Augen fast aus den Höhlen traten, während er nach jener Ecke des weiten Hofes starrte, aus der das verzweifelte Brüllen von Clavel kam. Kurz nach dem Morgengrauen erschienen die Burschen mit den Knüppeln wieder und trieben die Tiere eins nach dem anderen aus den Pferchen heraus und in das Gebäude hinein, aus dem der furchtbare Blutgeruch kam. Mit unsagbarem Entsetzen musste Clavel zusehen, wie ihr geliebter Sohn, wie von einem dunklen Rachen verschlungen, in dem unheilvollen Tor verschwand. Mit einer letzten Anstrengung drehte Clavelin noch seinen Kopf um, um einen Blick nach seiner Mutter zu werfen, bevor er in das Schlachthaus hineingestossen wurde. Bald kam auch Clavel an die Reihe. Als sie über die Schwelle trat, verschlug ihr der Blutgeruch fast den Atem. Sie versuchte vergeblich umzudrehen; die Tiere, die hinter ihr hereingetrieben wurden, drängten sie weiter. Voll Angst sah sie sich um, hörte die Schmerzensschreie, die von den Mauern widerhallten und erblickte überall Tiere, die sich auf dem Boden in ihrem eigenen Blut wälzten, während zugleich Gruppen von stämmigen Männern mit grossen Keulen immer neue Tiere niederschlugen. Ihr Blick irrte hin und her, bis sie auf einmal, in einer Ecke der düsteren Halle Clavelin entdeckte, aufgehängt an seinen Beinen, den Kopf fast auf dem Boden, während das Blut tropfend aus seinem zuckenden Körper entwich. Zum Glück hatte Clavel nicht lange Zeit, ihren Sohn zu betrachten, den kleinen Clavelin, den sie mit soviel Sorgfalt und Liebe aufgezogen hatte. Ein harter Schlag auf die Stirn warf sie auf den Boden, sie versuchte noch, sich wieder aufzurichten, aber ein grauenhafter Schmerz liess sie niedersinken, ein Schmerz, der ihren ganzen Körper durchlief, als ob Tausende von Nägeln sie zerfleischten. Da ergab Clavel sich ihren Henkern...
Godofredo Stutzin ... Die Geschichte von Clavel und Clavelin wiederholt sich jeden Tag, überall, millionenfach, damit Menschen ihre Beefsteaks, ihre Schnitzel und ihre Würste geniessen können. Wahrscheinlich würden die meisten Menschen kein Fleisch mehr anrühren, wenn sie das Martyrium von Clavel und Clavelin selbst mit ansehen müssten. |
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